Spitaler des Monats

„Wir versuchen sehr familienähnlich zu arbeiten“

Im Juli treffen wir die leidenschaftliche Musikerin und Leiterin der Kinder- und Jugendwohngruppe kids@home Hildtrud Fischerlehner. Die 49-jährige spricht über die vergangenen zehn Jahre in der Spitaler Kinder- & Jugendwohngruppe, die Anfange des Hauses und ihre Einschätzungen über die soziale Arbeit.

SpaS-Blog: Liebe Hildtrud, wie sieht dein idealer Sonntag aus?

Hildtrud Fischerlehner: Der ideale Sonntag ist jahreszeitlich abhängig. Ich frühstücke gerne lang. Im Winter würde ich dann den Tag auf einer sonnigen Piste am Stuhleck genießen und im Sommer auf der Terrasse sitzen oder wandern gehen.

SB: Ihr habt am 6. Juli gemeinsam mit einem Spielefest euer 10-Jahr Jubiläum von kids@home (eine Einrichtung von Rettet das Kind Steiermark) gefeiert, du begleitest das Haus von Anfang an. Hast du bei den Planungen für das Haus und den Konzepten mitgestalten können?

HF: Das war eine sehr spannende Zeit für mich. 2005 hat das Land vorgeschrieben entweder das alte Haus (Kindervilla Lützow) zu renovieren oder neu zu bauen. Wir haben uns dazu entschieden ein Neues zu bauen und ich habe von Anfang an meine Ideen einbringen können. Es ist natürlich nach den Vorgaben des Landes gebaut worden, aber wie das Haus und die Räumlichkeiten aufgeteilt werden, habe ich mitgestalten können. Die Innengestaltung habe ich auch ausgesucht. Wir versuchen die Kinder mitgestalten zu lassen. Bei Plauderminuten oder Kinderteams können sie ihre Ideen einbringen. Die Tagräume und Zimmer können von den Kindern individuell gestaltet werden.

SB: Derzeit wohnen bei euch 16 Kinder bzw. Jugendliche. Wie alt sind sie so im Durchschnitt?

HF: Unser Konzept ist ausgelegt auf Kinder im Alter von fünf bis 15. Es ist aber so, dass wir Rücksicht nehmen auf das was unsere Kinder brauchen. In Ausnahmefällen könne sie auch länger bleiben und wenn Geschwisterkinder kleiner sind, würden wir sie aufnehmen, um sie nicht zu trennen.

SB: Woher stammen die Kinder hauptsächlich? 

HF: Anfänglich ist es so gewesen, dass sie von einem größeren Gebiet her gekommen sind. Mittlerweile stammen sie fast alle aus dem Bezirk Bruck-Mürzzuschlag nach der Zuweisung von der Bezirkshauptmannschaft. Die Sozialarbeiter der BH rufen an und fragen, ob ein Platz frei ist, dann gibt es ein kurzes Statement, ob die Kinder in unsere Gruppe passen würden bzw. ob wir das anbieten können. Wenn das alles passt, plant man einen Erstbesuch, im besten Fall mit den Eltern. Danach fällt die Entscheidung über die Aufnahme.

SB: Wo sind für euch die Herausforderungen? Aus welchem Umfeld kommen die Kinder?

HF: Die Kinder kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Es gibt alle möglichen Probleme in den Familien, quer durch die Bank. Wir sind eigentlich darauf ausgerichtet, dass wir Unterstützung für die Familien anbieten, denn es liegt das Problem prinzipiell nicht an den Kindern. Es ist eine generelle Entlastung für die ganze Familie. Das hat verschiedene Ursachen. Grundlegend haben wir ein Bezugsbetreuer-System. Die Kinder haben eine Person, die für sie zuständig ist. Sozialpädagogen übernehmen die Gesamtorganisation für die Kinder. Bekleidung einkaufen, Arzttermine organisieren, Außenkontakte mit Sozialarbeitern, Schule, mit den Eltern abklären, das machen alles die Bezugspersonen. Jeder Bezugsbetreuer hat zwei Kinder bei uns im Haus.

SB: Wie sieht der Alltag im Haus aus?

HF: Wir versuchen sehr stark familienähnlich zu arbeiten. Sie haben bei uns im Schulalltag einen ähnlichen Ablauf wie in einer Familie. Aufstehen, frühstücken, eine Jause mitbekommen,  in die Schule gehen, wiederum ein Essen bekommen, die Hausaufgaben machen und danach individuelle Freizeitgestaltung. Am Wochenende werden Ausflüge angeboten und in den Ferien versuchen wir auch mit ihnen gemeinsam Ferienalltag zu genießen und Urlaub zu fahren. Das ist nicht selbstverständlich für die Kinder. Gemeinsam mit unseren Betreuern fahren sie ans Meer ohne Zwang mit viel Spaß.

SB: Wie viele Bezugspersonen, Mitarbeiter sind im Haus tätig? 

HF: Wir haben acht Sozialpädagogen, mit mir neun. Jeweils vier Pädagogen sind in den beiden Gruppen und dann habe ich noch drei Damen im Wirtschaftsbereich, die aber auch eng mit den Kindern zusammenarbeiten. Es sind alle an den Kindern nahe dran. Das Haus ist rund um die Uhr im Normalfall besetzt.

SB: Von der Personalausstattung geht sich das aus? Oder kann man mehr brauchen?

HF: Der Personalschlüssel ist vom Land vorgegeben. Wünschen würden wir uns natürlich mehr, auch von der Infrastruktur her. Wir sind relativ weit von den therapeutischen Einrichtungen entfernt und da wäre es wünschenswert, wenn wir mehr Personal hätten.

SB: Was würdest du dir als Leitung wünschen, was sind für euch dringende Fragen an die Politik?

HF: Ich denke was immer ein bisschen schwierig ist, dass die Lobby eine recht kleine ist. Die soziale Arbeit wird immer noch als freiwilliger Dienst angesehen und weniger als Dienstleistung. Es ist in vielen Bereichen einfach eine Geldfrage. Ich glaube, dass es wichtig wäre mehr in die Prävention zu stecken. Meiner Meinung nach, gäbe es sicherlich Konzepte und Überlegungen, um noch mehr in die Familienarbeit zu gehen. Mit mehr Personal kann ich zu den Familien gehen und diese mitbetreuen. Die Möglichkeit haben wir zur Zeit leider nicht. Wir können nur im Haus arbeiten, würden aber gern auch mehr raus gehen.

SB: Also wäre es sicherlich auch ein Zukunftsgedanken für das Haus, hinaus zu gehen in die Familien?

HF: Genau, es bewegt sich oft sehr viel bei den Kindern ,sobald sie bei uns einziehen, aber in vielen Fällen schaffen wir es nicht die Familien dementsprechend mit einzubinden. Nicht im Beratungskontext ,sondern wirklich sie miteinzubeziehen in die Struktur. Einfach Ratschläge geben zu können und ein gemeinsames Leben anzubieten. Ich denke, dass es einige sicherlich annehmen wollen und natürlich wäre es gut, wenn man die Eltern mehr in die Pflicht nehmen könnte. Das Jugendwohlfahrtsgesetz sieht das nicht so vor. Sie sind zwar entlastet, aber es ist nur möglich, wenn sie freiwillig mitmachen und manche Kinder würden es schon brauchen, dass die Eltern mehr verpflichtet werden. Viele machen es nicht, aber nicht weil sie nicht wollen, sondern da sie aus verschiedenen Gründen nicht können.

SB: Wie funktionieren die Rückführungen in die Familien?

HF: Wenn sie bei uns ausziehen und eine Lehre beginnen gibt es zum Beispiel flexible Hilfen von Seiten der BH, die eingesetzt werden. Das Stundenausmaß ist aber leider nicht sehr hoch. Da fehlen eben die Ressourcen. Wir versuchen schon, dass wir die Kinder eine Zeit lang nachbetreuen damit sie keinen plötzlichen Beziehungsabbruch erleiden müssen.

SB: Wie viele Kinder hast du in den vergangenen zehn Jahren betreut?

HF: Ungefähr 80 Kinder & Jugendliche eine Zeit lang in ihrem Leben begleiten dürfen und zu einigen haben wir noch Kontakt. Zu unserem 10-Jahresfest haben wir alle eingeladen, manche sind auch gekommen, manche haben uns Rückmeldung gegeben, dass sie gerne kommen würden, aber zu weit weg wohnen. Was wir aber schon bemerken ist, dass ein bis zwei Jahre nach dem Auszug wenig Kontakt besteht. Danach kommen die Jugendlichen schon und erzählen wie es ihnen geht. Wir haben einige positive Rückmeldungen. Da helfen uns auch die sozialen Netzwerke, da findet man relativ schnell wieder zu den Jugendlichen. Die Kinder halten auch untereinander über viele Jahre Kontakt. Manche haben auch schon wieder selbst Familien gegründet.

SB: Ein Thema angeschnitten, weil es früher trotzdem so war, dass die Einrichtung als solche nicht ins Gemeindegeschehen eingebunden war, sei es in der Schule oder in den Vereinen. Ist die Akzeptanz besser geworden?

HF: Ich habe mich sehr bemüht, das Haus offen zu halten und zu schauen, dass die Kinder Kontakte und Freundschaften nach außen haben. Offen aber dennoch anonym. Deshalb gibt es bei uns am Haus auch kein großes Schild mit kids@home, weil das die Jugendlichen auch nicht wollen, dass es deutlich sichtbar ist, wo sie wohnen. Auf anderen Häusern steht ja auch nicht groß drauf, welche Familie hier wohnt.

Es ist mir immer ein großes Anliegen, dass sie Hobbies haben und am liebsten ist es mir, wenn sie in den Ort integriert sind. Einige besuchen die Musikschule und andere sind beim Schwimm- oder Judoverein dabei. Ich habe schon das Gefühl, dass es sich verändert hat. Mit der Gemeinde und mit der Volksschule gibt es eine gute Zusammenarbeit, da möchte ich auch mal ein großes Danke an all unsere Kooperationspartner aussprechen. Je mehr man mit den Spitalern darüber redet, umso eher haben sie Verständnis dafür. Vor allem wenn man ihnen erklärt, warum unsere Kinder sich in manchen Situationen eben schwerer tun. Es ist mir auch immer ein großes Anliegen, dass sie hier in Spital integriert werden, wenn ich weiß dass die Kinder länger bleiben. Einpaar haben wir, wo es gut funktioniert und bei anderen ist es schwieriger, da sie lieber zu Hause sind. Das ist aber normal.

SB: Abschließende Frage, wir haben die 10-Jahres-Feier hinter uns. Wenn du dir für die 20-Jahr-Feier einen Ehrengast wünschen könntest, wen würdest du einladen?

HF: Ich würde mir entweder einen angesagten Fußballer oder einen DJ wünschen, der in zehn Jahren bei den Jugendlichen angesagt ist, um den Kindern damit eine Riesen Freude machen zu können.

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